Kunstwerk der Woche – Der Adel und ich oder warum ich Peter den Großen interessanter finde als Prinz Charles

Inconnu_d'après_J.-M._Nattier,_Portrait_de_Pierre_Ier_(musée_de_l’Ermitage)

Ich bin ab und zu an Orten, an denen die Yellow Press in rauen Mengen rum liegt. So zum Beispiel bei diversen Ärzten, der Friseur ist auch so eine Quelle und andere Orte, an denen man warten muss. Ich habe immer ein Skizzenbuch dabei oder etwas eigenes zu Lesen und da ich den Spiegel nicht mehr mag und an dem Liebesleben von Helene Fischer, den Streitigkeiten der Erben verblichener Stars oder den dunklen Familiengeheimnissen der Filmsternchen nicht interessiert bin, sind mir Bunte, Gala und Freizeit Revue egal. Nicht so meinen Mitwartenden und als ich neulich beim Hausarzt war (Erkältungszeit juchu) habe ich ein Gespräch  zweier wartender Freundinnen älteren Semesters (um die 80) mitbekommen: „Ich finde ja dass die Kate immer zu kurze Röcke trägt und dabei hat es ihr die Queen doch verboten. Also wenn ich in ihrer Position wäre, würde ich machen was mir Elisabeth sagt. Du etwa nicht?“ „Ich finde das auch unmöglich. Der arme William, der muss ja auch damit klar kommen. Was macht eigentlich der Harry gerade?“ Und so ging es weiter. Als ob man von der Großnichte oder dem Enkel sprach. Ich musste recht lange warten und habe mir meine Gedanken gemacht. Erstens habe ich nur gedacht, wenn ich so tolle Beine wie Kate hätte, würde ich mir auch nicht vorschreiben lassen, wie kurz meine Röcke zu sein haben und zweitens: komisch, dass ich bestimmte Sachen einfach weiß, ohne dass ich jemals ein Klatschmagazin gekauft geschweige denn gelesen hätte. Außerdem habe ich mich gefragt, warum ich die längst verstorbenen Biographien von Königen und Kaisern viel interessanter finde als unsere gegenwärtigen. Das führte dann schließlich zur Idee als Kunstwerk der Woche mal ein Herrscher-Porträt oder zwei zu zeigen. Und als erstes lief mir Peter der Große über den Weg. Der war tatsächlich auch groß. Man geht von einer Körpergröße um die zwei Meter aus, was in der damaligen Zeit noch spektakulärer war als heute.

Interessant finde ich bei den Herrscherporträts immer die Mischung aus entspannter Herrschaftlichkeit und dem Versuch, die Stärken oder Fähigkeiten des Monarchen in Szene zu setzen. Hier sieht man Peter in schickster Rüstung, blankpoliert posieren, während im Hintergrund Schlachtengetümmel angedeutet ist. Großartig ist auch die Vorstellung, dass er mit diesem Federschmuck auf dem Helm in den Krieg zieht, weil er somit schon von weitem sehr gut als wichtiges Ziel auszumachen wäre. Nun ja man weiß von den meisten Herrschern, dass sie sich tunlichst aus den schlimmsten Gefechten herausgehalten haben, aber die Illusion wird beim Betrachter geweckt, dass der Zar hier allen Gefahren trotzend Zeit findet sich malen zu lassen und das auch noch ohne ein Fünkchen Angst zu zeigen.

Was ich über Peter gelesen habe, ist dass er sehr wissbegierig war und sich auch nicht zu schade war, praktische Kenntnisse in Schiffsbau und Hochseefischerei zu erlangen, weil er eine große Affinität für Seefahrt und Meer hatte. Er hat aber auch versucht Russland in einen modernen Staat zu verwandeln und in vielen Bereichen Reformen angestossen. Er war der erste Kaiser des Russischen Reiches.

Nur als Gedankenspiel: Was wären wohl die Schlagzeilen im 18. Jahrhundert gewesen, wenn es damals schon die Klatschpresse gegeben hätte, so wie heute? Peter der Große – trägt er versteckte Einlagen? Haartransplatation oder Perücke – das volle Haupthaar des Monarchen – echt oder Täuschung,… Vielleicht frage ich bei nächster Gelegenheit mal die Damen, was sie denn von Zar Peter dem Großen halten. Falls es eine Antwort und nicht nur verstörte Blicke gibt, werde ich berichten :)

Damit einen guten Start in eine weitere herbstliche Woche. solange die Blätter noch an den Bäumen sind, ist der Blick nach draussen eigentlich sehr nett.

Titel: Peter der Große (1672-1725)

Künstler: Jean-Marc Nattier (1685-1766)

Daten/Fakten: 1717, 142,5 x 110 cm, Öl auf Leinwand

Aufbewahrungsort: Eremitage

 

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