Kunstwerk der Woche – nicht nur in der Bibel bin ich schlecht bewandert

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Eine Grippe und die Technik haben sich mir in den Weg geschmissen. Erst hat nämlich mein Immunsystem langfristiger gestreikt und zusätzlich noch die Internetzufuhr. Das Telefon geht immer noch nicht aber immerhin das Netz läuft wieder, wenn es auch, wie ich ebenfalls, ab und an noch hustet. Heute geht es nun aber endlich weiter im Programm:

Hand aufs Herz – wer kennt sich mit den nordischen Mythologie aus? Ich vermute es sind weniger, als die Leser, die grobes Wissen über die griechische und römische Götterwelt haben. Doch woher kommt das, frag ich mich? Sind die Namen zu kompliziert, die Geschichten zu wenig unterhaltsam? Waren die Quellen in den letzten Jahrhunderten nicht so gut zugänglich oder übersetzt, wie die Liebesgeschichten, Intrigen und Schlachten der griechischen Götter? Ich weiß es nicht, aber es wundert mich.

Die Affinität der Menschen zu Skandinavien ist ansonsten ja recht groß. Man fährt dorthin in Urlaub, bewundert die Kollektivität der Menschen, die Naturverbundenheit, liest skandinavische Krimis und feiert dank Ikea nun auch KNUT in Deutschland, die ganzen LAND..irgendwas Zeitschriften warten regelmäßig mit Midsommar-Bildern auf und Skandinavische Wohnträume zieren nicht selten die Cover der einschlägigen Magazine, ich selbst bin Arne Jacobsens Entwürfen ein wenig verfallen, aber mit Thor und Co. sind die meisten wahrscheinlich erst durch die Marvel-Comics bzw. ihre Verfilmung in Berührung gekommen. Ich wußte bis dahin auch nur grob, dass es Thor und Odin gibt aber dann hört es auf.

Also habe ich gedacht, daran müsste ich mal was ändern und dachte mir, ein Kunstwerk der Woche ist ein guter Grund sich mal mit den nordischen Göttern zu beschäftigen. Gemälde Thor & Co. stand daher seit diversen Wochen auf einem kleinen Post-it, der hier neben meinem Schreibtisch klebte. Bei einer ersten Recherche wurde aber schnell klar: Das braucht etwas Zeit. In der großen Welt der Bildenden Kunst ist die Thematik wirklich nur am Rand zu finden.

Gefunden habe ich einige skandinavische Kunstwerke, reichlich Illustrationen aus Skandinavischen Handschriften aber in der restlichen Welt nur sehr wenig. Eines meiner Fundstücke ist heute das Kunstwerk der Woche. Es ist die Arbeit, die Johann Heinrich Füssli für seine Aufnahme in der Royal Academy eingereicht hat. Wo er auch aufgenommen wurde. Vielleicht lag es neben der für Füssli typischen dramatischen Komposition auch an dem ungewöhnlichen Thema? Ich sollte mit diesen Überlegungen aufhören, denn ich höre in meinem inneren Ohr meinen ehemaligen Dozenten Prof. Dr. Michael Diers sagen: „Frau Wehr, das sind alles nichts als Spekulationen! Sowas machen wir Kunsthistoriker nicht!“ Ich weiß ich weiß, lieber Herr Diers, das ist nur ein kleiner Denkanstoss für mich :)

Es gibt also noch viel zu erkunden, was dieses Feld betrifft. Wenn ich mal mehr Zeit habe, will ich für mich eine Infografik machen, die mir die Genealogie und die wesentlichen Sagen/Mythen erinnerbar aufzeigt, aber bis dahin hier nur mal ein erster Einblick.

Titel: Der Kampf des Thor mit der Schlange des Midgard

Künstler: Johann Heinrich Füssli (1741-1825)

Daten/Fakten: 1788, 131 x 91 cm, Öl auf Leinwand

Aufbewahrungsort: Royal Academy f Arts, London

 

4 Kommentare

  1. Für mich sind diese Götterwelten – nicht nur die nordischen – tatsächlich ein Bilderbuch mit sieben Siegeln.
    Aber ich kann mir denken, dass es eine faszinierende Materie für Kennerinnen sein kann. Das Bild von Füssli ist beeindruckend in seiner dunkel-düsteren und doch bewundernswerten Schilderung.

    Dir wünsche ich beste Genesung von der Grippe (hoffentlich kannst du den Winter nun grippefrei überstehen) und auch mehr Glück mit der technisch-kommunikativen Grundausstattung!

    Hab eine gute Woche!
    Liebe Grüsse,
    Brigitte

  2. Liebe Brigitte,

    die Faszination geht leider nicht mir einem annähernd ausreichendem Zeitpensum einher, das es bräuchte um wirklich einzutauchen. So müssen wir uns mit kleinen Bröckchen hier und dort begnügen :)

    Danke für die Genesungswünsche und ich hoffe auch sehr, dass ich von weiteren Viren in der nächsten Zeit bewahrt bleibe.

    Die Technikprobleme lassen mich nur in aller Deutlichkeit erkennen, dass ich sie zwar gerne benutze, mich aber nur sehr unwillig damit beschäftige, sie am Laufen zu halten bzw. wieder zum Laufen zu bringen. Es gibt einfach Dinge, mit denen ich mich nicht beschäftigen möchte.

    Dir auch eine gute Woche

    Liebe Grüße
    Tanja

  3. Ist bei mir auch eine sehr große Lücke. Die Sagen des Alten Testaments kenne ich aus meiner „Sonntagsschule“, die griechisch-römischen aus sieben Jahren Lateinunterricht. Aber die nordischen Sagen sind mir gänzlich unbekannt. Unsere Kultur ist eben doch sehr stark griechisch-römisch beeinflußt, die Kunst ebenso wie die Bildungsvermittlung. Die literarischen und ästhetischen Vorbilder lagen in Rom, nicht in Skandinavien. Ist natürlich zu einem erheblichen Teil auch eine Folge des dramatischen Unterschieds in der Überlieferungskultur: das reiche griechisch-römische Erbe an Literatur und sonstigen Schriften gegenüber den kaum vorhandenen Aufzeichnungen der Germanen. Unser Geschichtsunterricht in der Schule, z. B., umfaßte Ägypten, Griechenland und Rom, und dann machten wir fast übergangslos mit Karl dem Großen weiter.
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    Bezogen auf Deutschland würde ich ohne genauere Kenntnis der Materie mal einfach behaupten, daß sich vor den Befreiungskriegen wohl kaum jemand mit den nordischen Mythen befaßt hat. Das Interesse an (pan-)germanischem Erbe dürfte dann ab 1806/1813 über 1848/49 hinweg bis 1870/71 kontinuierlich zugenommen haben, parallel zu Romantik, Nationalismus und Mittalter-Historismus. Das steigert sich dann zur Verklärung des Germanentums im Kaiserreich (siehe Wagner; oder Kaiser Wilhelms Skandinavienreisen) und zieht sich in Teilen durch die Zwischenkriegszeit bis es im nationalsozialistischen Germanenkult (wenn auch in Konkurrenz zu Rom-bezogenen NS-Strömungen) einen letzten Höhepunkt findet.
    Bis in die 50er hat sich dann vielleicht noch einiges in den Bücherschränken gehalten. Aber letztlich hat der Mißbrauch des Germanentums im Nationalsozialismus alles Germanisch-Nordische in Verruf gebracht. Kaum ein Künstler oder Schriftsteller würde sich damit befassen oder damit auseinandersetzen; und im Schulunterricht spielen die nordischen Sagen auch keine Rolle.
    Die einzigen, die meines Wissens die nordischen Sagen lesen sind Germanistikstudenten. Zumindest war das früher in der Germanistik oft so. Gehörte sozusagen zum kulturhistorischen Grundrepertoire, das man sich aneignen mußte, als Hintergrund für die Betrachtung deutschsprachiger Literatur.
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    Global betrachtet haben die nordischen Mythen einfach die viel geringere Reichweite. Das griechisch-römische Erbe beeinflußt Kultur, Sprache und Literatur des gesamten Planeten mit Ausnahme großer Teile Asiens und Teilen Afrikas. Die griechisch-römische Götterwelt und die Sagen Homers sind in der weltweiten Literatur und Filmwelt so oft verarbeitet worden, daß man sie einfach kennt, egal welchen Bildungshintergrund man hat. Ob Mainstream (Percy Jackson) oder Art House (O Brother, Where Art Thou?), der Einfluß ist unbestreitbar vorhanden. Da können Marvel-Filme, die mit den nordischen Sagen kaum mehr gemeinsam haben als ein paar Namen, nicht mithalten.

  4. Dieser Kommentar wäre eigentlich ein eigener Beitrag. Ich wollte mir gerne mehr Zeit nehmen, um darauf zu antworten, aber im Moment wird das einfach schwierig, weil ich soviel anderes um die Ohren habe.
    Daher nur ein ganz GROSSES DANKESCHÖN.
    Ich mag ja auch die Bücher von Luciano de Crescenzo sehr, der Homers Inhalte leichter lesbar gemacht hat – zumindest für mich :)

    Vielen Dank für diese lehrreichen Ausführungen und O Brother Where Art Thou sollte ich unbedingt nochmal schauen – es ist Jahre her und ich erinnere mich aber noch an den Blues-Gitarristen, der seine Seele dem Teufel verkauft und John Goodman als Ployphem, der Bibeln verkaufte, wenn ich mich recht erinnere.

    Eine gute Woche und viele Grüße
    Tanja

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